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Botox: Mehr als nur ein Faltenglätter

Botulinumtoxin, besser bekannt als Botox, kann nicht nur Falten glätten. Es wird inzwischen bei vielen Leiden eingesetzt. Einige Anwendungen bleiben jedoch umstritten
von Diana Engelmann, 27.09.2017

Bevor Botox als Medizin eingesetzt wird, sollte ein Arzt-Patient-Gespräch stattfinden

Fotolia/javiindy

Wurde der Holocaust-Organisator Reinhard Heydrich 1942 durch eine mit Botulinumtoxin versehene Handgranate getötet? Darüber spekulierten Historiker einige Zeit später. Der SS-Mann war ins Koma gefallen und nicht mehr aufgewacht.

Bis heute ist seine Todesursache ungeklärt, dennoch hatte Botulinumtoxin das erste Mal Aufmerksamkeit erregt – der giftigste uns bekannte Stoff, den die Erde zu bieten hat: eine Million Mal giftiger als Arsen. Er stammt von dem Bakterium Clostridium botulinum und blockiert die Kommunikation von Botenstoffen zwischen Nerven und Muskeln, sodass Letztere lahmgelegt werden.

Einsatzgebiete von Botulinumtoxin

istock/wehrmann69

Jugendlichkeit als Nebenwirkung

Vor gut 20 Jahren erregte Botulinumtoxin erneut die Gemüter – als es unter dem Handelsnamen Botox als Faltenglätter Anwendung fand. In bestimmte Gesichtsmuskeln gespritzt, zaubert es bei nicht mehr ganz jungen Menschen den straffen Teint der Jugend zurück. Hollywoods Oberschicht fing damit an, sich das Gift unter die Haut spritzen zu lassen, und verhalf der Behandlung mit jedem Prominenten mehr zu gesellschaftlicher Akzeptanz.

Dabei war der faltenglättende Effekt quasi nur eine Nebenwirkung, entdeckt Anfang der 90er-Jahre von einem kanadischen Arztehepaar. Die beiden hatten Patienten mit Lidkrampf – der ersten Indikation, für die Botulinumtoxin zugelassen wurde – die Arznei injiziert und festgestellt, dass mit den Krämpfen auch die Falten in der Augenpartie verschwanden.

Einsatz gegen Muskelkrämpfe

Heute wissen viele Menschen gar nicht, dass "Botox" bei vielen Krankheiten eingesetzt wird. Der Stoff ist mehr als die Lifestyle-Arznei, als die man ihn kennt. Vor allem bei Bewegungsstörungen verwenden Mediziner das Nervengift, etwa bei Muskelspastiken nach einem Schlaganfall oder bei der sogenannten zervikalen Dystonie. Bei einer Spastik krampfen einzelne Muskelgruppen dauerhaft, bei der zervikalen Dystonie kommt es durch überaktive Hals- und Nackenmuskeln ebenfalls zu Krämpfen und zu unwillkürlichen Bewegungen. Beide Krankheitsbilder haben ihren Ursprung in Schädigungen von Nervenzellen.

"Botulinumtoxin ist ein hocheffektives Medikament, um den Tonus bei einzelnen Muskeln zu senken", sagt Dr. Martin Huber, Rehabilitationsmediziner im Therapiezentrum Burgau. Er behandelt seit 25 Jahren Patienten, die zum Beispiel einen Schlaganfall erlitten haben und unter einer Spastik der Hand leiden, sodass diese ständig zur Faust geballt bleibt. "Mit Botulinumtoxin kann man die steife Hand wunderbar öffnen und reinigen. Vielleicht ist noch Funktion da, dann kann der Patient wieder anfangen zu greifen", berichtet Huber.

Meist nur geringe Nebenwirkungen

Die Nebenwirkungen des Nervengifts sind bei den therapeutischen Dosen, in denen es angewandt wird, sehr gering. Vorübergehend können Muskeln geschwächt werden, die an die behandelten Stellen grenzen. "Das vergeht glücklicherweise nach einigen Wochen", sagt der Toxikologe Hans Bigalke, emeritierter Professor am Institut für Toxikologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. In etwa einem Prozent der Fälle bildet der Körper außerdem Antikörper gegen Botulinumtoxin. Dann wirkt der Stoff nicht mehr.


Bewährt hat sich Botulinumtoxin zudem bei bestimmten Blasenstörungen. Bigalke: "Dafür ist es ein ausgezeichnetes Mittel." Es wird etwa eingesetzt, um eine überaktive Blase zu regulieren, wenn andere Medikamente Harndrang und Inkontinenz nicht ausreichend lindern. Ist die Muskulatur der Harnblase gehemmt, kann das Organ wieder mehr Urin aufnehmen, Patienten müssen seltener zur Toilette gehen.

Als Migränemittel in der Diskussion

Doch es gibt auch Einsatzgebiete, die Experten unterschiedlich bewerten. Seit dem Jahr 2013 zum Beispiel kann Botulinumtoxin bei chronischer Migräne angewandt werden, sofern die vorbeugenden Tabletten nicht helfen. "Mit sehr gutem Erfolg", sagt Professor Wolfgang Jost, Neurologe und Vorstand des Arbeitskreises Botulinumtoxin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Seiner Erfahrung nach spricht etwa die Hälfte der Migräne-Patienten gut auf den Wirkstoff an, 30 Prozent mäßig, und 20 Prozent profitieren gar nicht.

Toxikologe Bigalke dagegen schränkt ein: "Bei der Behandlung von Migräne ist die Datenlage klinischer Studien uneinheitlich." Man könne Botulinumtoxin gar nicht in einer gut aufgesetzten Doppel-Blind-Studie testen.

Wirkt Glaube oder Gift?

In einer solchen Studie erhält die eine Hälfte der Patienten tatsächlich den zu prüfenden Wirkstoff, die andere ein Placebo. Weder Patienten noch Ärzte wissen, zu welcher Gruppe die Teilnehmer gehören. Solche Untersuchungen sind mit Botulinumtoxin schwer durchzuführen, weil die Patienten es bemerken, wenn behandelte Muskeln erschlaffen.

Professor Wolfgang Jost

W&B/Bernhard Kahrmann

Experte Bigalke argumentiert außerdem: "Schmerz spricht sehr gut auf Placebos an." Kopfschmerzen könnten also auch nachlassen, weil Patienten bloß glauben, es läge am Botulinumtoxin.

Einsatz bei Depressionen und Parkinson?

Sehr kontrovers wird darüber diskutiert, das Nervengift bei Depressionen zu verabreichen. Die Mehrheit der Experten ist sich einig, davon besser die Finger zu lassen. Es sei völlig unklar, wie gelähmte Muskeln die Stimmung aufhellen sollen. Befürworter der Therapieoption behaupten, allein durch geglättete Sorgen- und Trauerfalten sowie eine entspanntere Mimik würde sich auch die Psyche entspannen. Einen Beweis gibt es bisher allerdings nicht.

Generell haben die Indikationen, für die Botulinumtoxin zugelassen ist, in den vergangenen Jahren zugenommen. "Demnächst wird noch die Zulassung für übermäßigen Speichelfluss bei Morbus Parkinson kommen", ist Neurologe Jost überzeugt. Auch die Zahl der wissenschaftlichen Studien ist gestiegen. Rehabilitationsmediziner Martin Huber: "Das Wissen setzt sich durch, fast monatlich kommen aussagekräftige Studien hinzu, die zeigen, dass Botulinumtoxin wirkt."

Finanzspritze für Firmen

Neben der Effektivität des Medikaments scheint wohl auch der hohe Preis zu begünstigen, dass Pharmafirmen die Verbreitung des Stoffs fördern. Bigalke: "Die Hersteller propagieren neue, auch umstrittene Indikationsfelder." Botulinumtoxin ist teuer. Um die 300 Euro kostet eine Fiole. So heißen die kleinen Fläschchen, in denen das weiße Pulver mit Kochsalzlösung aufgelöst wird.

Die Unternehmen selbst begründen den hohen Preis mit beträchtlichen Sicherheitsanforderungen bei der Herstellung und Lagerung von Botulinumtoxin. Zudem haben sich die Anbieter ihre Verfahren, das Gift zu gewinnen, oft patentieren lassen. Das macht das Nachahmen zu günstigeren Preisen unmöglich.

Mehr Anwendungsbereiche im Nachbarland

Allerdings ist Deutschland nicht der attraktivste Markt für den therapeutischen Einsatz von Botulinumtoxin. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist die Anzahl der erlaubten Anwendungen relativ beschränkt.

In Frankreich etwa ist der Wirkstoff für alle Arten von auf bestimmte Muskelgruppen bezogenen Spastiken zugelassen – unabhängig davon, woher diese rühren. Bei uns darf das Nervengift bei einer Spastik, etwa der Hand, nach einem Schlaganfall verabreicht werden. Leidet ein Patient als Folge eines Schädel-Hirn-Traumas an der gleichen Spastik, muss der Arzt "off-label" spritzen, das heißt außerhalb der eigentlichen Zulassung.

Ob die Krankenkassen dann bezahlen, muss man vorher klären. Unter Umständen bleibt der Arzt auf den Kosten sitzen. "Eine unhaltbare Situation", findet Reha-Mediziner Huber. Das führt eventuell dazu, dass Ärzte nicht mit Botulinumtoxin behandeln, obwohl es sinnvoll wäre. "Uns fehlt bereits jetzt der Nachwuchs", bestätigt Neurologe Wolfgang Jost.

Botox geht auch billiger

Vielleicht ist es aber nur noch eine Frage der Zeit, bis Botulinumtoxin-Präparate in Deutschland günstiger werden. Hersteller aus Asien ziehen bereits nach. Toxikologe Bigalke: "Es gibt ein südkoreanisches Produkt, das kostet in Südkorea ein Zehntel des amerikanischen Äquivalents."



Bildnachweis: istock/wehrmann69, W&B/Bernhard Kahrmann, Fotolia/javiindy

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