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Migräne: Apps und Webangebote

Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, Beschwerden besser zu managen. Online und mit Apps geht das jetzt noch leichter. Doch die Digitalisierung birgt auch Fallen
von Barbara Kandler-Schmitt, 13.03.2017

Kopfschmerz notieren: Migränetagebücher gibt es aus Papier und elektronisch

F1online/Caia Image/Astronaut Images

An manchen Tagen fühlt sie sich wie von einem Laster überrollt. "Dann geht gar nichts mehr", sagt Bettina Frank. Doch meist schafft es die Migräne-Patientin mithilfe von Medikamenten, zu Hause zu arbeiten. Seit zehn Jahren betreut sie Online-Communitys für Betroffene. Sechs bis acht Stunden am Tag moderiert sie Chats und beantwortet Fragen. Auch am Wochenende. "Der Bedarf ist riesig und wächst immer mehr." Die jederzeit erreichbaren Online-Communitys seien eine niedrigschwellige Alternative zu den örtlichen Selbsthilfegrup­pen: "Gerade Schmerzpatienten fällt es oft schwer, feste Termine einzuhalten."

Professor Peter Kropp

W&B/Ronald Frommann

Professor Peter Kropp, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Rostock, bestätigt: "Der Kontakt zu anderen Betroffenen lindert den Leidensdruck, selbst wenn der Austausch nur im virtuellen Raum stattfindet." Allerdings entfallen dann persönliche Kontakte und Rituale, die mit dem Besuch eines Treffens verbunden sind. "Aber jüngere Menschen brauchen solche Rituale immer weniger." Bettina Frank geht noch weiter: "Die lokalen Selbsthilfegruppen sterben allmählich aus."

Smartphone als ständiger Begleiter

Auch das Selbstmanagement der Patienten wird zusehends digital: Neben dem Migränetagebuch aus Papier, das immer noch vielen gute Dienste leistet, kommen zunehmend Kopfschmerz-Apps zum Einsatz. Per Smartphone können die Patienten die Häufigkeit und Dauer ihrer Beschwerden sowie deren Begleitsymptome dokumentieren und festhalten, wann sie welche Medikamente eingenommen und wie sie gewirkt haben. "Im Gegensatz zum Migränetagebuch aus Papier habe ich mein Handy immer dabei und vergesse seitdem keinen Eintrag mehr", erzählt Patientin Bettina Frank. Innerhalb von Sekunden hat sie einen Überblick über die vergangenen sechs Monate und kann die Daten ihrem Arzt schicken.

Den Ärzten helfen solche Aufzeichnungen, die richtige Diagnose zu stellen, ein geeignetes Medikament zu verordnen und zu beobachten, ob die Wirkung ausreicht. Ob auf Papier oder in digitaler Form ist offenbar eine Frage des Alters: "Jüngeren Men­schen, die mit ihrem Smartphone quasi verheiratet sind, kommen Kopfschmerz-Apps sicher entgegen", sagt die Privatdozentin Dr. Stefanie Förderreuther, Präsidentin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerz­gesellschaft. "Die anderen sind mit der Papierversion oft besser bedient."

Infos und Adressen im Netz
dmkg.de Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft
migräne-radar.de
migraine-app.schmerzklinik.de


Vom Schmerz ablenken

Auch bei der Suche nach den Aus­lösern sind Kopfschmerztagebücher hilfreich. So werden Zusammenhänge mit dem Monatszyklus, bestimmten Belastungen oder dem Wetter deutlich. "Wer sich aber zu viel mit dem Schmerz beschäftigt, kann seine Beschwerden auch verstärken", warnt Förderreuther. "Ablenkung ist besser, als ständig in sich hinein­zu­horchen."  Stark betroffenen Patienten rät sie sogar, nur kopfschmerzfreie Zeiten zu notieren. "Dann erkennt man schneller, was einem guttut – etwa ein Spaziergang an der frischen Luft."

Auch Professor Andreas Straube von der Neurologischen Klinik der Universität München bewertet die Selbstbeobachtung kritisch: "Oft sehen Betroffene Zusammenhänge, die nicht existieren." Bereits eine negative Erwartungshaltung könne Anfälle auslösen. Er rät seinen Patienten, nur zu Therapiebeginn ein Kopfschmerztagebuch zu führen – oder wenn sie ein neues Medikament bekommen. "Ansonsten werden sie ständig an ihre Erkrankung erinnert."

Daten für die Forschung

Da viele Migräne-Patienten ohnehin  zu Perfektionismus neigen und akribisch Buch über ihre Beschwerden führen, hat auch Psychologe Kropp gewisse Vorbehalte gegen Kopfschmerz-Apps: "Allerdings ermöglichen sie eine individuellere Behandlung und bringen die medizinische Forschung voran, weil erstmals Daten in großem Stil gesammelt werden können."

Gemeinsam mit der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein war Kropps Institut an der Entwicklung der App "Migräne-Radar" der Universität Hof beteiligt. Mit dieser können Betroffene  Anfälle melden und liefern so anonymisierte Daten für wissenschaftliche Fragen. Etwa ob ein Zusammenhang mit dem Wetter besteht. Erste Auswertungen zeigen: Wenn die Temperatur sich innerhalb von zwei Stunden um mehr als drei Grad ändert, steigt das Migränerisiko. Straube bleibt skeptisch: "Die Ergebnisse könnten verzerrt sein, weil sich nur Patienten beteiligen, die an einen Zusammenhang glauben."

Die Digitalisierung birgt noch weitere Fallen: Patienten stöbern zunehmend im Internet und befragen "Dr. Google", ohne die Qualität der Inhalte beurteilen zu können. "Ungefilterte Informa­tionen aus dem Internet machen oft Angst", weiß Psychologe Kropp. "Mit geprüftem Wissen können Apps den Patienten Sicherheit vermitteln."

Entspannung per App

Mit der "migraine-app" der Schmerz­klinik Kiel können sich Patienten informieren, Selbsttests machen und nach Experten in ihrer Nähe suchen. Eine Anleitung zur progressiven Muskelentspannung fehlt ebenso wenig wie die Warnung vor Medikamentenübergebrauch: Wenn der Patient an mehr als zehn Tagen im Monat Schmerzmittel nimmt, besteht die Gefahr eines Medikamentenkopfschmerzes. "Das alles ersetzt aber nicht den Arztkontakt, son­dern ist nur als Ergänzung gedacht", betont Bettina Frank.

Als besonders schönes Extra der App sieht sie den Life-Chat mit Experten und den Austausch mit anderen Betroffenen via Facebook- oder Headbook-Gruppe. "Dort erfahren die Leute, dass sie nicht alleine sind und es wirksame Hilfe gibt." Als Moderatorin achtet sie im Chat vor allem auf eines: "Falls sich die Leute nur bejammern, bieten wir Unterstützung an. Das bringt neue Zuversicht."



Bildnachweis: F1online/Caia Image/Astronaut Images, W&B/Ronald Frommann

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